Super-GAU bei Nida. GAU= Grösste absurde Unvorhersehbarkeit. Am Mittwoch, 19.08.2009 ereignete sich etwas, was jenseits meiner Vorstellungen lag: Kein Grenzübergang nach Russland trotz gültigem Visa. Mein Reisepass hatte einen Riss, der dem russischen Grenzbeamten zu lang war. Die in Plastik eingeschweisste Seite mit den persönlichen Daten ist bis auf wenige Millimeter aus dem Booklet gebrochen. Mein Reisepass ist ca. 7 Jahre alt, ich transportiere ihn in einer Klarsichtfolie in meiner Lenkertasche. Der Pass dürfte nicht mehr als 300 Faltspiele gehabt haben, das Booklet ist ansonsten tippitoppi. Ich gehe daher von Materialermüdung aus und erstelle der Bundesdruckerei an dieser Stelle Inkompetenz bei der Materialwahl. M.E. sollte die Gültigkeitsdauer von 10 Jahren zugleich einen glauben lassen, dass das Material sich nicht innerhalb dieses Zeitrahmens auflöst. Eine Katastrophe! Wie soll man da noch entspannt reisen, wenn man dem mechanischen Verfall trotz schonender Handhabung dermassen ausgesetzt ist, dass Grenzübertritte unmöglich werden?
Ich verbrachte drei Stunden in der Schreibstube der russichen Grenze. Sechs Formulare. Alle auf russisch. Die Bediensteten gingen fair mit mir um, alles wurde auf englisch übersetzt. Es gab Kaffee und Kekse und binnen vier Wochen muss ich 1000 Rubel (ca. 25 Euro) an die russische Föderation überweisen. Man verabschiedete mich an der Grenze mit dem Worten: 'Now you know drinking kaffee on russian border is 25 euros'. Ok, der war nicht so schlecht, ich lachte etwas. Ich kehrte um nach Litauen. Ich versuchte, mit der deutschen Botschaft in Kaliningrad oder Vilnius mein Problem zu lösen. Kaliningrad war recht kooperativ, sie telefonierten mit der Grenze, der Offizier der Grenze verweigerte allerdings dennoch die Einreise, weil der Pass angeblich nicht mehr maschinenlesbar wäre... Die Botschaft in Vilnius hingegen antworte auf jede meiner Fragen "das müssen sie mal googlen". Vilnius hätte mir einen temporären Reisepass in 2 Stunden ausgestellt, konnte jedoch nicht garantieren, dass dieser von der russischen Botschaft für ein Visum anerkannt wird. Mal wohl ja, mal eben nicht.
Ich war sprachlos. Ich dachte immer, Botschaften sind dazu da, um einen Landsmann, wenn er in der Scheisse steckt, unter die Arme zu greifen. Hätte echt gedacht, dass es eine Routine gäbe, um asap. die Reise fortzusetzen. Die Sache mit dem temporären Reisepass war mir zu windig, es wären von Nida sieben Stunden pro Strecke Bus, Fähre, Bus gewesen. Ich hätte vermutlich eine Nacht in Vilnius bleiben müssen, da die Bürozeiten von Botschaften eher dürftig sind. Bus, Pass, neues Visa, Expresszuschläge, Übernachtung.... 400 Euro wären da weg gewesen. 400 Euro für eine Materialermüdung, für die ich jede Schuld von mir weisen kann. Ich nahm am Freitag die Fähre von Klaipeda nach Kiel und bin nun wieder Hamburg. Das Visum war ein 2-fach-Visum, ich wollte Anfang September ja wieder nach Russland.
Angesichts der Bearbeitungszeit für einen neuen Reisepass und ein neues Visum werde ich dieses Jahr keine einzige Russlandtour machen. Ich trage eine unendliche Wut und Enttäuschung in mir. Ich brauche nun erstmal ein paar Tage zur Orientierung. Das Timing für 2009 ist gänzlich durcheinander. Ich denke, so etwas kann jeden treffen, darf aber niemanden treffen. Ich erlaube ich mir das Urteil, dass eine Gültigkeitsdauer von 10 Jahren zugleich 10 Jahre Gewährleistung ist. Die Verwendung eines Kunststoffes, der nicht brüchig wird, käme nur wenige Cent mehr. Der Staat redet von Fälschungssicherheit, ist aber mit der Verwendung geeigneter Materialen überfordert.
Schönen Wochenstart, Andreas.
Litauen per Rad.